Abstrakte dreidimensionale Netzwerkstrukturen und Prismen in Petrol und Creme, von denen feine orangefarbene Verbindungsströme zu kleineren geometrischen Blöcken abfließen.
Bei der Modell-Destillation greifen Entwickler gezielt interne Denkpfade großer KI-Systeme ab, um kleinere Modelle mit deren Fähigkeiten zu trainieren.KI-generierte Darstellung · Turing Complete · Gemini

In 30 Sekunden

  • Laut einem Bericht von Anthropic wurden in fünf separaten Kampagnen knapp 200 Millionen Dialoge zur Modellschulung abgefangen.
  • Alibaba soll allein 151 Millionen Interaktionen zur Entwicklung eigener Qwen-Modelle genutzt haben.
  • Chinesische Ministerien wiesen die Vorwürfe zurück und betonen den Status von Destillation als legitime Standardmethode.

Der US-Entwickler Anthropic hat neue Details zu großflächigen Kampagnen zur Modell-Destillation bekannt gegeben. Laut einem Threat Intelligence Report des Unternehmens wurden in fünf voneinander unabhängigen Kampagnen knapp 200 Millionen Interaktionen verzeichnet, die darauf abzielten, fortgeschrittene Fähigkeiten von Spitzenmodellen wie Claude systematisch zu extrahieren. Ziel der Akteure war es vor allem, interne Denkprozesse, sogenannte Chain-of-Thought-Pfade, sowie Fähigkeiten in logischer Argumentation, Tool-Nutzung und Datenanalyse abzugreifen.

Die Destillation beschreibt ein Verfahren des maschinellen Lernens, bei dem ein kleineres Modell anhand der Ausgaben eines größeren, leistungsfähigeren Systems trainiert wird. US-Anbieter wie Anthropic untersagen das automatisierte Auslesen von Modellantworten zur Schulung von Konkurrenzsystemen in ihren vertraglichen Nutzungsbedingungen.

151 Millionen Anfragen für Alibabas Qwen-Modelle

Die größte Einzelkampagne ordnet Anthropic dem chinesischen Konzern Alibaba zu. Zwischen Mai und Juli 2026 seien darüber 151 Millionen Dialoge registriert worden, in Spitzenzeiten bis zu drei Millionen Anfragen pro Tag. Die Zugriffe erfolgten koordiniert über ein Netzwerk von rund 3.500 Konten und nutzten einheitliche Prompts, um Trainingsdaten für Alibabas Modellfamilie Qwen zu generieren.

Eine weitere Kampagne ordnete Anthropic dem chinesischen Startup Moonshot AI zu. Innerhalb eines Zeitfensters von zehn Tagen seien knapp 300.000 Anfragen über rund 5.000 Konten vor allem an das Modell Claude Opus geleitet worden. Darunter befanden sich unter anderem visuelle Analysen von Überwachungsmaterial, bei denen geprüft werden sollte, ob sich Personen auffällig verhalten.

Verdeckte Extraktion und politische Gegenreaktion

Bereits im Februar 2026 hatte Anthropic über frühere Destillationsversuche von DeepSeek mit über 150.000 Anfragen, Moonshot mit mehr als 3,4 Millionen und MiniMax mit über 13 Millionen Dialogen berichtet. Diese liefen damals über ein Netz von rund 24.000 Scheinkonten.

Um die Schutzmechanismen von Anthropic zu umgehen, griffen die Akteure auf Proxy-Dienste und sogenannte Hydra-Cluster zurück, die Anfragen über tausende Konten streuen. Zudem kamen verdeckte Framing-Techniken zum Einsatz: So wurden dem System beispielsweise Übersetzungsaufträge in Katakana-Japanisch erteilt, um verdeckte Denkpfade offenzulegen, die regulären Nutzern sonst nur in zusammengefasster Form angezeigt werden.

Das chinesische Handels- und Außenministerium wies die Vorwürfe laut Medienberichten zurück. Die Ministerien bezeichneten die Destillation als eine international anerkannte und übliche Standardmethode der KI-Entwicklung.